„Seht zu, wie sie’s treiben, die Herren des Geldes und der Macht, und rafft euch auf!“, rief der Präsident der Grütlisektion Derendingen seinen Vereinsbrüdern zu. „Vereinigt euch zu einer sozialdemokratischen Partei, denn am faulen Liberalismus habt ihr weder Stütze noch Habe. Er hält euch für die Narren und missbraucht euer Vertrauen.“ So wurde 1890 von den Arbeitnehmern aus dem damals gemeinsamen roten Faden mit den Liberalen ein rotes Tuch gewoben, das man den Industriellen und Gewerblern vorhalten konnte.

„Wie sieht es heute aus?“, fragte man mich anlässlich eines Interviews bei der Zeitung. „Habt ihr noch Faden um am Roten Tuch zu weben oder verblasst es zu einem weissen Handtuch, das ihr nach unbestritten vielen sozialen Errungenschaften nun in den politischen Ring werfen müsst, weil ihr 125 Jahre alt und müde seid?“

„Und Hand aufs Herz“, konstatierten die Journalisten weiter: „Der kämpferische Ton vom roten Mephisto anno 1912 scheint etwas verhallt“. Sie meinten mit damals den Parteipräsidenten und Redaktor der Neuen freien Zeitung, Jacques Schmid, der in zäher Arbeit, die ihn zeitweise an den Rand der Erschöpfung brachte, aus der schwachen Oppositionspartei eine kampffähige Truppe formte und „in heller Begeisterung fast Abend für Abend und am Sonntag (...) in die Arbeiterdörfer hinaus radelte, um zu referieren.“ 
„Wenn man euch in Parlament und Regierung so zuhört, dann hat man das Gefühl, man versteht sich und hat es gut miteinander! „

Keine Bange, werte Präsidentinnen und Präsidenten der anderen Parteien, ich werde euch nicht verunglimpfen. Und ja, privat verstehen wir uns durchaus auch gut. 
Aber ich will mit meinen folgenden Sätzen schon dafür sorgen, dass ihr die Faust macht, heute vielleicht aus Respekt gegenüber unserer Feier im Sack. 

Doch auch und gerade ein 125-jähriges Bestehen der Sozialdemokratie muss dazu benutzt werden, um Klartext zu reden, anzuprangern und nicht aus Lust an der Feier zu schweigen, sondern aus Bereitschaft zum Kampf gegen Ungerechtigkeit, Unsolidarität und Unfreiheit zu reden. Sich verstehen heisst nicht per se, einverstanden zu sein! Es ist nicht die Aufgabe der Politikerinnen und Politiker, es untereinander gut zu haben. 

Wenn mein Gegenüber die Menschenrechte in Frage stellt, so muss ich ihn in Frage stellen. Wenn mein Ratskollege das System verteidigt, das zulässt, dass jemand 100% arbeitet und nicht davon leben kann, dann muss ich ihn bekämpfen. Es ist unsere Aufgabe, hellwach zu sein, zu streiten und zu kämpfen. Wir Roten, wir müssen Lunte riechen, wenn Wirtschaftsverbände die wichtigste Sozialversicherung schlecht reden und gleichzeitig für sich in Anspruch nehmen, der Vater der AHV zu sein. 

Wir müssen nachladen, wenn nach verlorenen Abstimmungen über die Erbschafts- und Pauschalsteuer oder die öffentliche Krankenkasse Sparpakete in den Kantonen geschnürt werden, die einseitig die Ausgaben für die Schwächsten bremsen und die Einnahmen von den Stärksten nicht erhöhen. Wir müssen einschreiten, wenn immer mehr gut ausgebildete Menschen über fünfzig in der Sozialhilfe landen oder Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen keine Ausbildung, sondern Vollrenten erhalten. Wir müssen auch heute noch mit unserer sozialdemokratischen Politik ein rotes Tuch sein. 
Wir müssen für rote Köpfe sorgen, wir müssen die Schamröte in die Gesichter deren steigen lassen, die meinen, sie seien wertvoller als andere. 

Wir müssen wieder mehr selber schreiben statt von anderen lesen. Wir müssen die rote Karte zeigen, wenn Meinungen immer mehr mit Geld erkauft statt mit Handlungen vorgelebt werden.
Wir müssen wieder mehr reden statt nur zuhören. Unsere roten Lippen sind nicht nur zum Küssen da, sondern um frei und unmissverständlich zu reden. Unser politisches Handeln beruht darauf, dass das Ziel  unserer roter Politik nicht die Wirtschaftlichkeit ist, sondern der Mensch. Und so lange es den Menschen gibt, so lange braucht es uns Sozialdemokraten. Dabei ist die SP Solothurn als Interessenvertreterin und politische Akteurin weitere 125 Jahre konstruktiv, kämpferisch, hart in der Sache und anständig im Ton. 

01. Sep 2015