Franziska Roth, Parteipräsidentin, Solothurn
Ja, man darf mich ruhig einen Hypochonder nennen. Wer hypochondrisch veranlagt ist, befürchtet immer das Schlimmste, selbst wenn es noch so unwahrscheinlich ist. Hypochonder bilden sich Dinge ein, an denen andere real leiden. Der Besuch beim Arzt, der nach eingehender Untersuchung feststellt: „Sie sind gesund!“ beruhigt einem nur bedingt. Diese Angst kann so weit gehen, dass die Lebensqualität völlig eingeschränkt ist.

Ich behaupte, das Schweizer Volk ist hypochondrisch veranlagt. Noch nie war das Leben in der Schweiz so sicher und „gesund“ wie heute. Wir sind freie Menschen, die frei entscheiden können. Abgesehen von ein paar heilbaren Beschwerden ist unsere Schweiz kräftig und fit. Unser Immunsystem hätte alles, um Krankheiten wie Armut und Ausgrenzung auszumerzen.

Wir könnten Parasiten, die sich in unseren Geldkreislauf einschleichen ohne weiteres vertreiben, indem wir unsere gesunden Organe mobilisieren und für eine gerechte Verteilung der Abwehrstoffe sorgen. Doch anstatt unsere gute Konstitution für faire Löhne für alle, für eine Lohnobergrenze für wenige oder für eine gute Einbettung in Europa einzusetzen, bilden wir uns Symptome ein, die uns aufgrund von realen Krankheiten anderer Länder bekannt sind.

So fühlen wir Überfremdung und religiöser Fundamentalismus als Beraubung der Freiheit. Dies führt dazu, dass wir Working Poor haben, dass Fremde ausgesperrt und Andersgläubige verachtet werden. Unsere Angst vor dem, was wir nicht haben ist so gross, dass wir das was wir haben, nicht mehr bemerken.

Der Arzt sagte mir: Hypochondrische Menschen merken, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, nur: Das Problem steckt nicht da, wo sie es suchen. Das Nein zum Grippen ist ein Hoffnungsschimmer, dass aus der Veranlagung der Schweiz zur Hypochondrie keine manifeste Krankheit wird.

02. Jul 2014